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Opinie

Ein detaillierter Blick auf die ICAN AERO50 II Carbon-Laufräder

by LiNichole 31 Aug 2026 0 Comments

Für viele Radfahrer löst der Begriff „chinesisches Carbon“ immer noch ein reflexartiges Zurückzucken aus – ein anhaltendes Zögern, das aus einem Jahrzehnt voller Horrorgeschichten über generische, im offenen Formverfahren hergestellte Produkte herrührt. Man hat uns eingeredet, dass echte Leistung auf Profi-Niveau einen fünfstelligen Preis für den Fahrradbau und ein hochpreisiges westliches Logo auf der Felge erfordert. Das ICAN AERO50 II präsentiert sich jedoch als UCI-zugelassener Herausforderer, der die Branchenführer nicht nur nachahmt, sondern sie in manchen Bereichen sogar übertrifft. Als Leistungsspezialist interessiere ich mich weniger für Marketing-Blabla als vielmehr für die technische Realität. Zu einem Bruchteil der Kosten von Alternativen „großer Marken“ verdienen diese Laufräder einen genaueren Blick.

Hier ist das vollständige Video des spanischen Technikers Jamey De Neve:

Die Papierspur: Warum eine physische Spannungskarte wichtig ist

ICAN ist alles andere als ein „No-Name“-Hersteller. Diese Laufräder verfügen über eine offizielle UCI-Zertifizierung, was bedeutet, dass sie die für den Einsatz im Profi-Peloton erforderlichen strengen Anforderungen an Struktur und Sicherheit erfüllt haben. Doch die eigentliche Überraschung ist nicht der Aufkleber auf der Felge, sondern das Dokument in der Verpackung. Im Gegensatz zu Premium-Marken, die mit einem generischen „Bestanden“-Aufkleber ausgeliefert werden, liefert ICAN eine physische Qualitätskontrollkarte mit, auf der die spezifische Spannung jeder einzelnen Speiche detailliert aufgeführt ist – abgestimmt auf die Seriennummer der Felge.

„Das ist sozusagen die Qualitätskontrolle … wie die Speichen ausgewuchtet sind, mit welcher Spannung sie gespannt sind … das ist interessant, das habe ich bei keinem [anderen] Laufradsatz gesehen.“

Das geschulte Auge eines Fachmanns erkennt jedoch die Nuancen hinter diesen Zahlen. Bei der Überprüfung mit einem eigenen Spannungsmessgerät variierten die Messwerte zwischen 0,44 und 0,74, obwohl auf der Karte eine einheitliche Spannung von 0,64 angegeben war. Dies dient als wichtige Realitätsprüfung: Die Speichenspannung ist äußerst empfindlich gegenüber der Messposition. Um einen genauen Messwert zu erhalten, der mit dem Werksbericht übereinstimmt, muss man genau in der Mitte der Speiche messen. Ein solches Maß an Transparenz ist in dieser Preisklasse selten und deutet auf eine Fertigungskultur hin, die Verantwortlichkeit über die Anonymität des Massenmarktes stellt.

Die akustische Signatur der D91-Nabe

Auf dem Ständer dreht sich die D91-Nabe nicht einfach nur – sie macht auf sich aufmerksam. Für Fahrer, die das Geräusch einer Freilaufnabe als charakteristisches Merkmal betrachten, liefert die AERO50 II ein aggressives, hochfrequentes Surren, das deutlich lauter ist als das des Branchenstandards DT Swiss.

Die Konstruktion der D91 ist überraschend ausgefeilt und weist deutliche Parallelen zum Design der hochwertigen Nischenprodukte von Nonplus auf. Hier handelt es sich nicht um eine billige Klinken- und Federkonstruktion, sondern um ein Präzisions-Ratschen-System. Die akustische „Lautstärke“ ist ein direktes Nebenprodukt des Ratscheneingriffs und der Federspannung, die erforderlich ist, damit die Zähne sofort ineinander greifen. In der Welt der Hochleistungslaufräder ist dieses Geräusch oft ein Synonym für mechanische Effizienz und schnellen Eingriff.

Breitfelgen-Architektur und das V-förmige Profil

Die AERO50 II wurde für den modernen Rennrad-Standard entwickelt: breiter, mit niedrigerem Reifendruck und stabiler. Mit einer Innenbreite von 23 mm und einer Außenbreite von 28 mm sind diese Felgen für 28-mm-Reifen optimiert. Die Verwendung eines 25-mm-Reifens wäre ein taktischer Fehler, da dies zu einem „dünnen“ Profil führen würde, das den aerodynamischen Übergang vom Reifen zum Carbon unterbricht.

Interessanterweise hat ICAN für die 50-mm-Felge ein klassisches V-Profil verwendet. Während viele moderne Marken zu einer stumpferen „U-Form“ oder einem abgeschnittenen Tragflügelprofil übergegangen sind, um die Seitenwindstabilität zu priorisieren, bleibt das V-Profil aufgrund seiner hohen seitlichen Steifigkeit und seiner markanten Ästhetik ein Favorit. Für alle, die nicht auf Tubeless-Reifen setzen, erfordern diese breiten Felgeninnenmaße spezielle „Wide“-Schläuche (700x25-32), um sicherzustellen, dass der Schlauch im großvolumigen Hohlraum nicht überdehnt wird.

Der Traum eines jeden Heimwerkers: Überdimensionierte Nabeninnenteile

Wenn man die Endkappen der D91-Nabe abnimmt, offenbart sich ein Meisterwerk sinnvoller Technik. ICAN hat sich für 6803-Lager entschieden, die deutlich größer und robuster sind als die 6802-Lager, die bei vielen gewichtsbesessenen Mitbewerbern zu finden sind. Bei dieser Wahl stehen Langlebigkeit und Lastverteilung vor ein paar eingesparten Milligramm.

Der interne Aufbau ist eine „Umkehrung“ des DT Swiss EXP-Systems; hier ist die Sperrklinke am Freilaufkörper statt am Nabengehäuse befestigt, wobei eine einzelne konische Feder für die Spannung sorgt. Dies macht die werkzeuglose Wartung außergewöhnlich einfach – die gesamte Baugruppe lässt sich zur Reinigung und zum Nachfetten von Hand zerlegen. Für diejenigen, die nach marginalen Leistungssteigerungen streben, ist die Nabe vollständig kompatibel mit CeramicSpeed-Upgrades (insbesondere der Lagergröße 17287), obwohl die serienmäßigen Stahllager beeindruckend leichtgängig sind und über rote Außendichtungen für hervorragenden Feuchtigkeitsschutz verfügen.

Der „Double Square“-Kompromiss: Ästhetik vs. Funktionalität

Die Laufräder sind mit belgischen Sapim-Stahlspeichen eingespeicht – dem Goldstandard für Hochleistungsaufbauten. ICAN hat jedoch „Double Square“-Innennippel verwendet, um ein klares, elegantes Erscheinungsbild und einen leichten aerodynamischen Vorteil zu erzielen.

Da die Nippel innenliegen, ist das Zentrieren des Laufrads keine Angelegenheit, die sich „am Straßenrand“ erledigen lässt. Man muss den Reifen, das Dichtmittel und das Tubeless-Band entfernen, um mit einem speziellen Vierkantwerkzeug an die Nippel zu gelangen. Obwohl die Sapim-Stahlspeichen unglaublich langlebig sind, benötigt jeder Laufradsatz eine „Einlaufphase“, in der sich die Komponenten setzen. Wenn diese Laufräder auf einer mehrtägigen Tour aus der Rundung geraten, sitzt man im Grunde fest, bis man eine voll ausgestattete Werkstatt erreicht.

Gewicht beim Klettern mit einem preisgünstigen Laufradsatz mit hoher Felgentiefe

Der auffälligste Wert ist das Gewicht. Für einen Laufradsatz mit 50 mm Felgentiefe liegt der AERO50 II deutlich über dem Durchschnitt seiner Gewichtsklasse:

Vorderrad: 570 g

Hinterrad: 655 g

Gesamtgewicht: 1.225 g

Um einen Laufradsatz mit dieser Felgentiefe und einem Gewicht von 1.225 g zu finden, muss man normalerweise das Doppelte oder Dreifache des ICAN-Preises ausgeben. Diese Werte ordnen den AERO50 II eindeutig in die Kategorie der „Kletterlaufräder“ ein, bieten jedoch gleichzeitig die aerodynamischen Vorteile einer Felge mittlerer Tiefe. Die ICAN-Laufräder sind nicht nur konkurrenzfähig – sie sind leichter, schlanker und wohl auch transparenter konstruiert.

Fazit: Die neue Realität des Direktvertriebs an den Verbraucher

Das ICAN AERO50 II ist ein ausgeklügeltes Stück Hochleistungshardware, das uns dazu zwingt, den „Wert“ eines Markennamens neu zu bewerten. Darüber hinaus ist der Direktversand aus dem europäischen Lager schneller und bequemer. Mit der UCI-Zulassung, der überdimensionierten D91-Nabe und einem Gesamtgewicht, das Laufräder zum doppelten Preis in den Schatten stellt, repräsentiert es den neuen Höhepunkt der Direktvertriebsfertigung.

Da die Kluft zwischen „Boutique“ und „Direktvertrieb“ immer weiter verschwindet, müssen wir uns fragen: Rechtfertigt das Prestige einer Marke noch immer einen enormen Preisunterschied, wenn ein Hersteller einen physikalischen Spannungsbericht, hochwertigen Sapim-Stahl und professionelle Gewichtsangaben zu einem Bruchteil der Kosten bereitstellt? Für den Fahrer, der die Stoppuhr dem Logo vorzieht, wird die Antwort immer deutlicher.

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